AssistAid

Entwicklung einer "Warnweste der Zukunft", durch die der Ersthelfer am Unfallort vom Disponenten in der Leitstelle zusätzlich zur auditiven Ebene visuell angeleitet wird. Die Eingabe durch den Disponenten erfolgt über eine eingebaute Toucheinheit mit Touchstift, die Ausgabe am Unfallort via Laserprojektion. Mit Hilfe einer Live-Videoübertragung ist das Bild vom Unfallort direkt in der Leitstelle einsehbar.

Grundgedanke

In unserem Zukunftsszenario ist jedes Auto mit mindestens einer unserer modernen Warnwesten ausgestattet. Ihr Einsatzzeitpunkt ist genau dann, wenn man als Ersthelfer direkt am Unfallort gefragt ist. Die Idee dahinter ist, über die Weste nicht nur gut erkennbar zu sein, sondern in dieser Extremsituation auch eine Hilfestellung durch sie zu erhalten.

 Stabile Seitenlage

Prozess

Recherche

Ausgehend von dieser Idee begannen wir, uns intensiv mit der Extremsituation eines Unfalls zu beschäftigen. Zunächst zogen wir Statistiken zu Rate, um uns einen Überblick speziell über Verkehrsunfälle zu verschaffen.

Laut dem statistischen Bundesamt in Wiesbaden gab es im Jahr 2014 rund 2.406.685 polizeilich erfasste Verkehrsunfälle. Davon waren 302.435 der Unfälle mit Personenschaden bei 584.716 Beteiligten. 3.377 Menschen starben, 67.732 Verkehrsteilnehmer wurden schwerverletzt und 321.803 leicht verletzt. 

Eine Grafik zeigt auf, dass die Alterskategorien „18 – 24“, „65 – 75“ und „75 und mehr“ die größten Anteile der Hauptverursacher unter den Beteiligten besitzen. Eine weitere Statistik dokumentiert die beteiligten Fahrer von Personenkraftwagen an Unfällen mit Personenschäden nach Dauer der Fahrerlaubnis. Daraus resultiert das Ansteigen sowohl der Beteiligung, als auch der Posten der Hauptverursacher mit längerer Dauer des Besitzes der Fahrerlaubnis. Zieht man nun ein Fazit aus beiden abgebildeten Diagrammen, kann man sagen, dass die Kombination dieser mit dem derzeit stattfindenden demografischen Wandel durchaus zu Bedenken geben sollte. Die zukünftige Annahme der Bevölkerungsentwicklung 2050 verdeutlicht dies, da dann rund 29 % der Bevölkerung älter als 65 sind.

Berücksichtigt man also die prognostizierte Bevölkerungsentwicklung sowie die Unfallstatistiken, lässt sich daraus nur erahnen, in welchem Ausmaß die Unfälle bis 2050 ansteigen werden.

 

Laut der Ausgabe 1 des Notfall + Rettungsmedizin von 2009 führen die Anwendung der europäischen Vergaberichtlinien auf den Rettungsdienst, die Verstaatlichung des Rettungswesens sowie der Fachkräftemangel im Gesundheitssystem zu einer qualitativen und quantitativen Veränderung der Gruppe von Hilfsbedürftigen sowie einer erforderlichen inhaltlichen Anpassung der Leistungen an neue Zielgruppen. Zukünftig stehen also eine stetig steigende Zahl pflegebedürftiger Menschen einer wachsenden Verknappung von medizinischem Personal gegenüber.

Genau an diesem Punkt sahen wir einen entscheidenden Grund, den Ablauf am Unfallort, sowie das Verhalten der Ersthelfer genauer zu betrachten und uns genauer über die ergriffenen Maßnahmen zu informieren.

Ein wichtiger Aspekt ist zudem die Unsicherheit der Ersthelfer. Bei einer Studie des ADACs in Zusammenarbeit mit dem DRK von 2013 sagten rund 72,6 % in Deutschland aus, dass sie sich trauen würden Erste Hilfe zu leisten, jedoch nimmt die Prozentangabe drastisch ab, je spezifischer und komplexer die Handlungsanweisungen werden. So würden lediglich 20 % eine Herz-Lungen-Wiederbelebung durchführen.

 

Interview

Um unseren Einblick in die Abläufe und den derzeitigen Stand der Technik vertiefen zu können, vereinbarten wir einen Termin mit dem Rettungsdienstleiter des deutschen Roten Kreuzes in Schwäbisch Gmünd – Tobias Gerhardts (Stand Oktober 2015). Die zentral gewonnenen Eindrücke sind im Folgenden knapp zusammengefasst. 

Herr Gerhardts hat in unserem Interview ausdrücklich darum gebeten, als Ersthelfer wirklich einzugreifen und keine Angst davor zu haben die Person anzufassen. Eine falsche Reanimation ist im Vergleich zum Nichtstun das geringere Übel. Gleichzeitig stellt er auch fest, dass der Erste-Hilfe-Kurs bei den meisten Verkehrsteilnehmern mehr als zwei Jahre zurückliegt und dadurch eine große Unsicherheit bei den potenziellen Ersthelfenden entsteht. 

Ebenso hat er betont, dass es wichtig ist, mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung bereits in der nullten bzw. ersten Minute anzufangen, damit der Patient ohne größere Schäden überlebt (ab Minute 5 biologischer Tod). Die Telefonreanimationen haben einen hohen Stellenwert und sind für ein positives Outcome des Patienten oftmals unverzichtbar.

Weiterhin erklärt er, dass bei momentan eingehenden Notrufen keine telefonische Hilfestellung erfolgt, da das Personal noch nicht ausreichend medizinisch geschult ist. Dieser Punkt befindet sich aktuell im Wandel. Seit einigen Jahren wird in Deutschland die standardisierte Notrufabfrage eingeführt (SMAP). 

Das bedeutet: wird zum Beispiel die 112 im Ravensburger Raum gewählt (Leitstelle Ravensburg wendet das System bereits an), so meldet sich diese immer identisch „Feuerwehr und Rettungsdienst – wo ist der Notfall?“. Im Anschluss werden nach einem durch wissenschaftliche Studien belegten standardisiertem System Fragen gestellt. 

Je nach Antwort des Anrufers und der entsprechenden Eingabe des Disponenten im System wird dann eine Antwort / neue Frage oder Anweisung durch einen mathematischen Algorithmus generiert. Dank eines großen Datenpools im Hintergrund erfolgt eine sehr differenzierte Fragestellung, wodurch Ressourcen effizienter eingesetzt und die Prozesse verbessert werden. Dieser Standard bringt zudem eine hohe Verlässlichkeit und eine gewisse Sicherheit für den Disponenten. Dieser bleibt dabei bis zum Eintreffen der Rettungskräfte am Telefon.

 

Dissertation

Die Dissertation von Susanna Maria Elisabeth Sellin mit dem Titel „Der Einfluss einer standardisierten Notrufabfrage auf die Struktur des Notrufgesprächs und die Dispositionsqualität bei Fällen von Herz-Kreislauf-Stillstand“ zeigte jedoch auf, dass es im Einsatzablauf zu keinen signifikanten Änderungen in den Punkten „erfolgreiche Reanimation“ und „Zeitspanne bis zur Alarmierung der Rettung“ gekommen war.

Besonders herauszukristallisieren ist, dass der Outcome der Patienten nicht gesteigert wurde. Zwar wurde die Telefon-Reanimation häufiger versucht, jedoch waren die Versuche meist nicht effizient. Ursachen dafür waren, dass ein komplexer Ablauf textuell nur schwer erklärbar ist, wichtige Einzelheiten oft vergessen werden und verständliche Formulierungen für den Laien gefunden werden müssen. Vollständige oder gut verständliche Reanimations-Anweisungen wurden kaum beobachtet.

So stellte sich uns also die Frage, inwiefern dieses System ohne eine Steigerung der überlebenden Patienten sinnvoll ist. In einem eigenen User Testing konnten wir feststellen, dass eine rein textuelle Anleitung zur Ersten Hilfe aufgrund mehrerer Faktoren einige Defizite aufweist. So zum Beispiel die Kommunikation zwischen Laie und Fachmann, sowie den Faktor, dass der Disponent anleiten muss, ohne die verunfallte Person zu sehen. Der Ersthelfer wiederum muss die Anweisungen in dieser Extremsituation umsetzen können und dies war in unserem Test schon schwierig, obwohl die Gefühlslage der Personen vernachlässigt wurde. 

Daraufhin haben wir uns mit den beteiligten Personen beschäftigt.

 

Beteiligte und Situation

Wie sollte ein Ersthelfer im Idealfall reagieren, was sind die Aufgaben des Disponenten in der Leitstelle? Wir hielten zunächst die wichtigsten Erkenntnisse der Nutzer, die so genannten Core Customer Insights fest.

 

Ersthelfer

Situation Ersthelfer

Gefühlslage: Stress – Angst – Nervosität – Überforderung – Schock – Ekel – Panik –  Lärm – unüberschaubare Situation – lange zurückliegender Erste-Hilfe-Kurs – Laie

Situation: klare Gedankengänge nur schwer oder überhaupt nicht fassbar – einfache, selbsterklärende, niederkomplexe Bedienung

 

Disponent

Situation Fachmann

Gefühlslage: Druck – hohe Verantwortung – Koordination – Einholen relevanter Infos – psychischer Druck – Beurteilung der Situation – Fachmann

Situation: Krankheitsbild schnell erkennbar – passende Anleitung für den Ersthelfer

 

Wie wird kommuniziert, welche Komponenten spielen eine Rolle?

Handlungsablauf

Die standardisierte Abfrage sieht vor, dass durch spezifische Fragestellungen Dringlichkeit sowie Art des Notfalls identifiziert werden. Problematisches Resultat dabei – die falsche Deutung der Symptome. Das heißt entweder dem Anrufer mag es eben vielleicht gerade in einer Notsituation schwerer fallen, die richtigen Worte dafür zu finden, was sich vor seinen Augen abspielt und der Disponent wiederum muss die fernmündliche Beschreibung richtig deuten. Dies führt entweder zu redundanten Mitteln oder noch schlimmer falschen oder mangelnden Rettungskräften. 

Das zweite Problem auf dieser Ebene – die Kommunikation zwischen Laie und Fachmann. Der Disponent mag zwar Fragen stellen wie „Ist seine Atmung agonal?“, jedoch muss der Anrufer auch verstehen, was der Disponent meint. Diese Problematik lässt sich genauso auch auf den zweiten Abschnitt übertragen – die Handlungsanweisungen.Der Disponent muss einerseits in möglichst kurzen, simplen Sätzen einen Vorgang beschreiben, andererseits auch in gewisser Form wissen, wie er diese formulieren muss, damit der Anrufer weiß was zu tun ist. Dies hat auch unser eigener Test gezeigt und die genauen Untersuchungen in der Dissertation bestätigt.

 

Zielsetzung

Unser Lösungsansatz sieht eine Erste-Hilfe-Anleitung für solch eine Extremsituation vor.

Dabei soll es nicht darum gehen, Ersthelfer über externe Anleitung zu riskanten Handlungen zu bewegen. Im Gegenteil. Den ersten Schritt zu tun fällt vielen Ersthelfern besonders schwer. Nicht nur Angst vor falschen Tätigkeiten, sondern auch Unwissenheit aufgrund lange zurückliegender Erste-Hilfe-Kurse sind hierbei hinderlich. 

An diesem Punkt wollen wir ansetzen und die Überwindung sowie die erhoffte eintretende Aktion begleiten. Dabei sollen Ersthelfer psychologisch unterstützt und nicht durch weitere Anforderungen zusätzlich verunsichert werden. 

Über simple visuelle Anweisungen, die zusätzlich zur auditiven Ebene ausgegeben werden, kann der Helfer vor Ort die Überlebenschance des Verunfallten entscheidend beeinflussen. Gleichzeitig erlaubt die Videoübertragung zum Disponenten in die Leitstelle ein klareres Bild des Unfallorts, was eine strategischere Planung der Einsatzkräfte ermöglicht.

 

Ein Szenario würde wie folgt aussehen:

Statt den Notruf per Smartphone zu tätigen, legt der Ersthelfer die im Automobil befindliche Warnweste an. Nachdem der Ersthelfer den Zustand des Verunfallten kennt, kann er bei Notwendigkeit direkt über die Weste den Notruf absetzen. 

Durch eine integrierte Kamera in der Weste bekommt der Disponent ein Echtzeit-Bild des Unfallortes und kann z.B. durch einen Touchscreen zusätzlich zur auditiven auch eine visuelle Anweisung geben, die via Projektion am Unfallort widergegeben wird. So erhält der Ersthelfer eine professionelle Anleitung und kann die Zeit bis der Rettungswagen eintrifft effektiv nutzen.

Szenario

 

Komponenten

Als bereits bekanntes Element nutzen wir die Warnweste um eine Verbindung zwischen Ersthelfer am Unfallort und Disponent in der Leitstelle zu schaffen. Da sie bereits Mitführpflicht im Straßenverkehr hat, sahen wir darin einen entscheidenden Vorteil. Um die gewollte Verbesserung der Erste-Hilfe-Anleitung zu erreichen, statteten wir die Warnweste mit einigen Neuerungen aus. 

Die wichtigsten Elemente dabei sind die Freisprechanlage für die gegenseitige auditive Kommunikation, der miniaturisierte Projektor und die Kamera mit Bildstabilisation, sowie der Notrufknopf. Ebenso besitzt sie einen Minicomputer und Akku, welcher über Induktion geladen wird. 

Bestandteile

Der Disponent hat in der Leitstelle ein Touchscreendisplay mit dem er über intuitive Gesten, dem  Touchstift, sowie Tastenkürzel interagieren kann. Über das Display erhält der Disponent die Live-Übertragung vom Unfallort. Was er auf dem Tablet anzeichnet wird dem Ersthelfer vor Ort via Projektion ausgegeben. Der Disponent hat dabei die Möglichkeit entweder frei Hand zu zeichnen oder vorgefertige Module oder Animationen zu positionieren.

 Bedienmöglichkeiten