TESS - Fluglotsenarbeitsplatz

TESS ist ein Konzept für einen neugestalteten Fluglotsenarbeitsplatz mit Fokus auf der internen Kommunikation der Fluglotsen und der Interaktion mit dem haptischen Arbeitsgerät - dem Kontrollstreifen. Der Kontrollstreifen ist neben dem Radarbildschirm und den Kommunikationsgeräten das wichtigste Arbeitsgerät eines jeden Fluglotsen, da es alle Informationen des jeweiligen Flugzeugs aufzeigt. Er besteht aus einer stabilen Außenhülle und einem farbigen E-Ink Display. Dieses Display verbindet einige der Vorteile von Papier wie die Beschreibbarkeit und die gute Lesbarkeit mit der Digitalisierung von Daten. Vereint auf einem gebogenen Bildschirm, der alle Informationssysteme, Kommunikationssysteme und die Arbeitsfläche zusammenführt, ergeben sich bewusst durchführbare Interaktionen, die an eine Systemaktualisierung gebunden sind. Kombiniert mit ergonomischen, haptischen und konzentrationsfördernden Aspekten zeigt TESS ein neuartiges Konzept für einen Fluglotsenarbeitsplatz.

TESS steht für Tangible E-Ink Strip System und bezeichnet damit die auffälligsten Merkmale des Konzepts: Dass es sich um die Interaktion mit greifbaren Objekten handelt und dass die Umsetzung der Kontrollstreifen auf der E-Ink-Technologie aufbaut. Doch hinter dem Namen verbirgt sich noch mehr, denn das Konzept entwickelten wir auf Basis der drei zuvor aufgestellten Thesen. Alle darin angesprochenen Aspekte sind in das Konzept mit eingeflossen, jedoch mit unterschiedlich starken Wichtungen. Die Hauptaussagen der Thesen sind wie folgt:

 

• Multisensorische Wahrnehmung der Arbeitsgeräte fördert die Erinnerung und Aufmerksamkeit , wirkt kognitiv entlastend und schafft somit einen sicheren und aktiven Arbeitsprozess.

 

• Ein starkes System, das dem Nutzer viel abnimmt, schwächt langfristig dessen Arbeitskompetenz und vermittelt ihm das Gefühl der verminderten Wertigkeit der eigenen Leistung.

 

• Das Papierstreifensystem hat im Gegensatz zum Paperless-Strip-System das kollaborative Arbeiten gefördert und dadurch ein intuitives und sicheres Arbeiten ermöglicht.

 

Mit TESS bieten wir Ansätze zur Einbindung dieser Thesen in die Gestaltung des Fluglotsenarbeitsplatzes:

 

Der Arbeitsplatz eines Lotsenteams befindet sich in einem Raum mit Fenstern, was den gelegentlichen Blick nach außen ermöglicht. Er ist höhenverstellbar und besteht aus zwei einander leicht zugewandten Arbeitsplätzen. Diese Stellung fördert die Zusammenarbeit und Absprache zwischen den beiden Lotsen, was wiederum die Sicherheit erhöht, denn vier Augen sehen mehr als zwei. Auf dem gesamten Interface kann die Bedienung sowohl mit dem Finger als auch mithilfe eines digitalen Stiftes erfolgen. Jedoch sind bestimmte Felder – beispielsweise auf dem Kontrollstreifen – visuell so ausgelegt, dass sie zur Stifteingabe anregen. 

 

Beide Arbeitsplätze sind mit einem winklig gestuften Bildschirm mit OLED-Technologie versehen. Diese sind knickbar, haben eine starke Anzeigeleistung und ermöglichen auch bei Tageslichtverhältnissen korrekte Darstellungen. Der Screen ist abgewinkelt und dadurch in drei Bereiche aufgeteilt: Der obere Teil zeigt den Radarscreen. Der mittlere, abgeschrägte dient der Darstellung von Informationen und teilweise auch der Eingabe und beinhaltet das Frequenzwahlfeld, das ATCISS und die Einstellungen. Der untere Bereich ist die Arbeitsfläche, auf der sich das Telefon- / Funkwahlfeld befindet. 

 

Zwischen beiden Arbeitsplätzen befindet sich eine Streifenrutsche mit herausnehmbaren, digitalen Kontrollstreifen, auf denen die relevanten Daten eines Fluges festgehalten werden. Die Informationen darauf werden mithilfe von digital beschreibbaren E-Ink-Displays dargestellt. Diese sind langlebig, zuverlässig und bilden auch im Fall eines Systemausfalles weiterhin die Daten ab. Die Interaktion mit diesen Streifen hat viele Vorteile. Ein Aspekt ist, dass sie die multisensorische Wahrnehmung fördern: Kommt ein neuer Streifen in der Streifenrutsche an, wird der Lotse durch das akustische Signal auf ihn aufmerksam, durch die taktile Erfahrung des Streifens kann er auch unterbewusst Informationen verarbeiten. Der Lotse kann anhand der vorhandenen Streifen das relative Arbeitsaufkommen in den nächsten Minuten abschätzen und bei jedem Wegwerfen eines Streifens das gute Gefühl der erledigten Arbeit auskosten. Bewusste Handlungen wie diese fördern die Aufmerksamkeit, sodass der Lotse sich, ohne darüber präzise nachdenken zu müssen, über den abgehandelten Prozess im Klaren ist. Zu diesen Handlungen zählt auch die Stifteingabe: Änderungen der Flugdaten werden mithilfe des Stifts digital eingetragen und systemseitig gespeichert, allerdings sind sie durch das Führen des Stiftes auch im Gedächtnis des Lotsen unterbewusst verankert. 

 

Kommt es zu einer Warnsituation, gibt der Screen neben der orangefarbenen Anzeige im Label kurze pulsierende Warnstöße in roter Farbe aus, zusätzlich unterstützt durch leichte Vibrationsimpulse in der Arbeitsfläche. Diese Impulse dürfen aber nur sehr kurz kommen, um den Lotsen nicht zu überreizen und dadurch seine Konzentration zu schwächen.

 

Ist die Schicht eines Lotsen beendet, zeigt das Anmeldefenster zwischen den beiden Arbeitsplätzen das Ende seiner Schicht und die Anzahl der erfolgreich durch den Sektor gelotsten Flüge an und fordert ihn zur Abmeldung und Übergabe auf. Um sich abzumelden muss er mit dem nachfolgenden Lotsen die Übergabe einleiten, bei der dieser in den ersten paar Minuten auf seiner Arbeitsfläche eine Statusanzeige des aktuellen Flugverkehrs vermittelt bekommt.

 

Bei all diesen Abläufen ist es wichtig, dass der Lotse durch das System eine Unterstützung erfährt, aber dennoch selbst die Kontrolle über die Geschehnisse behält. Nur so ist seine Aufmerksamkeit hoch und er hat auch in einer Gefahrensituation ohne Verzögerung den direkten Überblick.